Interview

„Wir müssen von uns aus anders leben!“
Auszüge aus einem Interview zwischen Anja Kühn, Germanistin an der Universität Flensburg, und der Autorin Marlies Jensen (Leier):

„Liebe Leier, der Schleswiger Holm und die dort untergegangene Lebenskultur sind Ausgangspunkt Ihrer Vertiefungen. Was reizt Sie an dieser Thematik?“
„'Meine' alte Fischerinsel steht nur als Beispiel für weltweit untergegangene Lebenskultur - der Ort liegt in seinem alten Gefüge ja noch nachahnbar da. Ebenso wie bei meinen Kindheitserinnerungen an Angeln geht es hier um Mentalitätsgeschichte, die ich festgehalten habe aus Dankbarkeit für das, was Menschen vor uns weltweit erduldet, erlitten, ausprobiert, gekonnt und zauberschön uns hinterlassen haben.“

„Das klingt ein bisschen nostalgisch.“
„Ja, und das darf es auch! Die Menschen sehnen sich nach überschaubaren Einheiten und sinnvollen Zusammenhängen. Ich denke ja nicht, daß früher alles besser war. Aber wer beim Nachdenken über Gegenwart und Zukunft die Vergangenheit einbezieht, denkt tiefer nach. Wir haben binnen zweier Generationen unsere Kultur verloren - den Bedingungen auf der Erde angemessenes, sinnvolles, nachhaltiges Tun. Wir haben unsere Bescheidenheit verloren - 'bescheiden' - althochdeutsch 'bisceidan' - stand ursprünglich für zufrieden, sich zufrieden geben, sich begnügen, galt für Personen, die sich zu bescheiden wußten und deshalb als besonnen, einsichtsvoll, verständig und klug galten. Bescheidenheit war Bestandteil guten Benehmens. Das Wort hat seinen alten Sinn verloren. Heute gilt der Bescheidene, der Ehrliche als der Dumme.“

„Welche Motivation leitet Sie beim 'LEIERSPIEL'?“
„Ich geh aus von der Überlegung: Jede Generation ist verantwortlich für ihre Zeit. 68' haben wir den beiden Generationen vor uns sowas vorgeworfen wie: 'Warum habt ihr nicht mehr gegen das nationalsozialistische Regime unternommen?!' - Sie lebten in einer grausamen Diktatur. Wir leben in einer Demokratie. Wir sind in unserer maßlosen Gier dabei, unseren Heimatstern, die Möglichkeiten von Leben auf der Erde zu zerstören. Auf Irrwegen von Wissenschaft und Technik hat menschliches Handeln in unserer sogenannten 'zivilisierten Welt' ein Unmaß erreicht, das inzwischen den ganzen irdischen Lebensraum mitsamt seinen zarten Umhüllungen betrifft. Wir haben uns einer erdrückenden virtuellen Realität unterworfen, vorgegaukelten Welten der Täuschung und der Illusion, Technologien und Produktionen, die nur für sich selbst bestehen. Nach der Realisierung all unserer Wünsche sitzen wir in verschwenderischer Fülle ohne Gegenleistung auf diesem Stern. - Was hinterlassen wir?“

„Was muß Ihrer Meinung nach passieren?“
„Nach dem Scheitern des UN-Klimagipfels in Kopenhagen im Dezember 2009, an dem 190 Staaten teilgenommen haben, ist einmal mehr deutlich geworden: Die Regierungen, die Regierenden schaffen es nicht. Uns muß jetzt klar werden: der Schlüssel zu Veränderung liegt bei uns selbst! Wir müssen von uns aus anders leben! Dabei geht es nicht um ein „Zurück-in-die-Steinzeit“. Da kommen wir hin, wenn wir so weitermachen. Wenn wir nicht zu nachhaltigem Wirtschaften zurückkehren, können wir auf der Erde nicht überleben. Nachhaltig leben - das bedeutet nicht Elend, nicht ein verhärmtes Leben. Es geht darum, uns und unseren Nachkommen die Quellen des Genusses zu bewahren.“

„Welche Bedeutung kommt der Sprache in Ihren Werken zu?“
„Zunächst ging es mir darum, unsere regionale Facette der Plattdeutschen Sprache - Angeliter, Schleswiger, Holmer Platt zu dokumentieren, mit all ihren schönen Worten, die ich gesammelt, aber viele auch tief in mir gefunden hab. Bei dieser Auseinandersetzung mit meiner Muttersprache, Vatersprache wurde mir klar: sie ist Ausdruck nachhaltiger Kultur. - Die alten Kulturen - weltweit - lebten, gemessen an den Grundvoraussetzungen auf der Erde - viel vernünftiger als wir. Sie sind Quellen voll kluger Antworten auf unsere bangen Zukunftsfragen. Bei allem positiven Interesse an meiner Arbeit, bei den vielen Begegnungen bei Lesungen, Interviews und Gesprächen blieb mir natürlich nicht verborgen, daß in Kreisen, die ernsthaft an Sprache, an Literatur interessiert sind, Plattdeutsch belächelt, nicht ernstgenommen wird. Ein Grund dafür ist sicher, daß es landauf landab ganz überwiegend mit den Themen „Witzig“ und „Ohne Sorge“ unterwegs ist. Zum anderen wird die besondere Form von Humor dieser Sprache verkannt, der ihr ureigener Charakter ist.“

„Was bedeutet für Sie die Aussage von Fachleuten, Plattdeutsch sei für ernsthafte Literatur zu begrenzt?“
„Ich begegnete dieser Auffassung mehrfach. Ich fühlte mich stellvertretend für meine Vorfahren gekränkt. Ich dachte tief darüber nach. - Damit spricht man jener ganzen eigenen Welt und damit denen, die mir Sprache gaben, die Fähigkeit ab, sich bis ins Kleinste zu äußern! Ich übertrug Lyrik von Erich Fried und eine Erzählung von Franz Kafka ins Plattdeutsche und veröffentlichte sie hochdeutsch und plattdeutsch nebeneinander. Dabei ging es mir darum, die Literaturfähigkeit dieser Sprache nachzuweisen, sie wieder mehr ins Ernstgenommene zu holen und gleichzeitig Fried und Kafka dorthin zu tragen, wo sie sonst nicht hingelangt wären. Ich wollte wissen, ob Plattdeutsch alles sagen kann. Und ich weiß jetzt: es kann. Nur konstruierte, geschachtelte, künstliche Texte, Juristensprache, Verwaltungssprache wirken auf Platt völlig verschroben und wollen nicht, machen unmittelbar ins Plattdeutsche übertragen keinen Sinn. Es ist übrigens spannend darüber nachzudenken warum!

„Wie es heißt, stirbt zur Zeit mindestens alle zwei Wochen eine Sprache irgendwo auf der Welt. Die Plattdeutsche Sprache ist, wie viele andere, vom Aussterben bedroht und daher Bestandteil der Europäischen Sprachencharta. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?“
Zur Zeit erleben wir eine Renaissance des Plattdeutschen - aber vermutlich eine letzte - machen wir uns nichts vor. Zuerst geht die Kultur verloren und dann geht die Sprache verloren. Die plattdeutsche Kultur ist bereits untergegangen, das habe ich an 'meinem' alten Ort selbst erlebt. Ihre Sprache wird ihr nach und nach folgen, die MuttersprachlerInnen sind schon am Aussterben. Experten befürchten, daß 90 % der jetzt noch etwa 6000 existierenden Sprachen innerhalb der nächsten 100 Jahre für immer verstummt sein werden. Sie sehen darin - ich zitiere - 'die größte Katastrophe für das Geistesleben, die die Welt je gesehen hat' auf uns zukommen.“

„Wie geht es nun weiter, das LEIERSPIEL?“
Mit meinem Text „Die Erbschaft aus Angeln“ habe ich jetzt, was das Schreiben angeht, meinen plattdeutschen Kreis geschlossen. Was ich plattdeutsch schreiben mußte, ist geschrieben und es liegt alles hochdeutsch und plattdeutsch nebeneinander vor. Aber das wachsende Interesse, die vielen Einladungen zu Vorträgen und Lesungen zeigen mir, daß es mit plattdeutschen Lesungen weitergehen wird. Aber was sich jetzt wie Vormärz in mir sammelt, will hochdeutsch aus der Erde. - Wenngleich - Plattdeutsch kommt mir ungeheuer aufdringlich vor, immer, wenn ein neuer hochdeutscher Text fertig ist, drängt es sich auf. Mein Vater hätte gesagt: „Dat blivt bi!“